Gertrude von Arabien

Gertrude Bell (1868–1926): Ein biografischer Überblick

Bell vor ihrem Zelt bei Ausgrabungen
im Irak (1909)
Gertrude Bell wurde als „Königin der Wüste“ berühmt. Nach dem Ersten Weltkrieg war sie maßgeblich an der Entstehung des heutigen Nahen Ostens beteiligt. 1921 steckte sie die Landesgrenzen zwischen dem neuen Königreich Irak (vormals Mesopotamien), Jordanien, Palästina, Syrien und Saudi-Arabien ab. Auch auf ihre Empfehlung hin wurde Emir Faisal, der die arabischen Stämme gegen die Osmanen geeint hatte, zum König des Iraks erklärt.
„Ich möchte wenigstens eine Sache von Grund
auf wissen und können. Dieses dilettantische
Lernen bin ich leid. Ich möchte mich ganz in
etwas vertiefen.“
Gertrude Margaret Lowthian Bell wurde am 14. Juli 1868 in Durham geboren. Ihr Großvater brachte es mit der Firma Bell Brothers, die in den 1870er Jahren ein Drittel des Eisenbedarfs in Großbritannien produzierte, zu großem Wohlstand. Gertrudes Mutter starb, als sie kaum drei Jahre alt war. Ihr Vater Sir Thomas Hugh Bell galt als Liberaler und vertrat fortschrittliche Ansichten, genau wie seine zweite Frau Florence, zu der Gertrude ein enges Verhältnis hatte. Damals war es üblich, dass Mädchen der guten Gesellschaft ausschließlich von Hauslehrern unterrichtet wurden. Die Bells jedoch schickten ihre wissbegierige Tochter auf eine Mädchenschule in London.

1888, mit knapp 20 Jahren, schloss Gertrude als erste Frau ein Studium der Neueren Geschichte in Oxford ab – mit Auszeichnung, aber ohne akademischen Titel: Für Frauen, die damals im Seminar mit dem Gesicht zur Wand sitzen mussten, um die Männer nicht „abzulenken“, war das nicht vorgesehen. Als sie auch nach der dritten Londoner Ballsaison keinen passenden Heiratskandidaten gefunden hatte, verbrachte Gertrude 1893 sechs Monate in Teheran, wo Sir Frank Lascelles, der Schwager ihrer Stiefmutter, als Botschafter am Hof des Schahs akkreditiert war. Ihre Eltern verboten ihr die Eheschließung mit Henry Cadogan (1868–1908), und Gertrude fügte sich. Bereits 1894 veröffentlichte sie die Reisebeschreibung „Miniaturen aus dem Morgenland“ und übersetzte Gedichte ihres persischen Lieblingsdichters Hafiz.

Ihre nächsten großen Reisen führten sie nach Jerusalem, ins Tal der Drusen und bis nach Damaskus. 1909 begegnete sie Richard Doughty-Wylie (1868–1915). Der Berufsoffizier und Diplomat wurde von seinen Freunden „Richard“ genannt, so auch von Bell. Er fiel in der Schlacht von Gallipoli. Monate später wollen Beobachter an seinem Grab eine verschleierte Frau in Schwarz gesehen haben, die einen Kranz niederlegte.

Gertrude Bell bereiste nicht nur den Nahen Osten, sondern auch ganz Europa und Asien, etwa die britische Kolonie Hongkong. Selbst als Alpinistin machte sie sich einen Namen. So trägt beispielsweise eines der Engelhörner im Berner Oberland den Beinamen „Gertrudspitze“, seit ihr die Erstbesteigung gelang. In Italien lernte Bell den britischen Archäologen David Hogarth kennen, der ihr Interesse für die Archäologie weckte. Bei ihrer nächsten Nahost-Reise von Syrien über Mesopotamien bis ins Osmanische Reich wollte sie vor allem byzantinische Ruinen studieren. In der Ausgrabungsstätte von Karkemisch traf sie Hogarth 1911 wieder – und begegnete dem damals 23-jährigen Thomas Edward Lawrence (1888–1935), der als „Lawrence von Arabien“ zur Legende wurde. Regisseur David Lean setzte ihm in seinem Oscar®-gekrönten Meisterwerk von 1962 ein Denkmal.

„Es ist manchmal ein komisches Gefühl, ganz allein
draußen in der Welt zu sein. Aber meistens betrachte
ich es jetzt, wo ich mich daran gewöhnt habe, als
eine Selbstverständlichkeit.“
Ausgerechnet im Orient, wo sich Frauen zu verschleiern hatten, erlangte Bell eine Menge Ansehen und Einfluss, die ihr in der Heimat sicher versagt geblieben wäre. Bei ihren Reisen drang sie in Regionen vor, die kein Mann aus dem Westen jemals gesehen hatte. Bei den Beduinen-Scheichs und Stammesführern wurde die rothaarige Europäerin als Ehren-„Mann“ akzeptiert und geachtet. Die Beni Sakhr, deren Gebiet Bell auf ihrem Weg durchquerte, und der drusische Beg, der sie auf ihrer Reise nach Damaskus unter seinen Schutz stellte, sollen sich noch Wochen später nach dem Befinden der „Khatun“ erkundigt haben.

1915 kam sie zunächst nach Kairo. Dort verfolgte die Zentrale des britischen Militärs und Geheimdienstes (British Arab Bureau) die Interessen des Empires in Arabien. Nachdem britische Truppen 1917 Bagdad eingenommen hatten, verlegte Gertrude ihr Büro. Bagdad blieb für den Rest ihres Lebens ihr Zuhause. 1918 marschierten britisch-arabische Truppen in Damaskus ein. Mit der Niederlage der Osmanen im Ersten Weltkrieg endete ihre Herrschaft, die Siegermächte Großbritannien und Frankreich hatten bereits 1916 in einem geheimen Abkommen die Aufteilung der Region festgelegt und sich somit ihren Einfluss gesichert (zu sehen im kurzen Prolog von KÖNIGIN DER WÜSTE).

Obwohl sie bei vielen ranghohen Militärs auf Ablehnung stieß, wurde Gertrude Bell in den Rang eines Majors erhoben und zur Orientsekretärin befördert – eine Schlüsselposition bei der Aufteilung des arabischen Reichs. Aufgrund ihrer exzellenten Landeskenntnisse übertrug das britische Außenministerium Bell die Aufgabe, die Grenzen des zukünftigen Iraks abzustecken. Sie sah die Aufgabe Großbritanniens darin, Irak auf die Autonomie vorzubereiten. Doch ihre Hoffnungen wurden enttäuscht, das Empire bestand auf seinem Mandat.

Gertrude Bell starb in der Nacht zum 12. Juli 1926, zwei Tage vor ihrem 58. Geburtstag, an einer Überdosis Schlaftabletten. Sie ist in Bagdad begraben – der Stadt, in der sie das irakische Nationalmuseum mit aufgebaut hat und bis heute als „Mutter des Iraks“ verehrt wird.

In der britischen Botschaft steht noch immer ihr Schreibtisch. Ihre Nahost-Erfahrungen sind in ihrem wichtigsten Werk „Ich war eine Tochter Arabiens“ nachzulesen.

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